Anfang 80 - für junge Liebe ist es nie zu spät.

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» Interview mit Sabine Hiebler und Gerhard Ertl

Christine Ostermayer und Karl Merkatz im Gespräch mit Claus Philipp

Wie sind Sie jeweils zu diesem Film gekommen und was hat Sie daran gereizt, diese Geschichte im Kino zu erzählen?

Christine Ostermayer: Ganz einfach. Sabine Hiebler und Gerhard Ertl haben mir das Buch geschickt, ich fand’s wunderbar und habe gleich zugesagt.

Karl Merkatz: Bei mir war’s dasselbe. Sie haben angerufen, ob wir uns treffen könnten: Sie hätten ein Drehbuch geschrieben und sie hätten gerne, dass ich eine Rolle spiele. Bruno heißt dieser Mann, es gehe ums Alt-werden. Und ich habe gesagt, na gut, alt bin ich selber, also ja, ihr könnt kommen. Wir haben ein bisschen Kaffee und wahrscheinlich auch ein Glas Wein getrunken und da haben sie mir das Stück erklärt. Ich habe gefragt: Na ja, wer ist im Film mein Gegenüber? Christine Ostermayer. Ich habe gesagt: Wunderbar, weil ich schätze sie über alle Maße. Davon abgesehen war ich einfach der Geschichte zugetan.

Christine Ostermayer: Weil es wirklich ein außergewöhnlich gutes Buch ist.

Man fragt sich angesichts des Films: Wie nimmt man als Publikum einem Menschen, der schwer krank ist, von Beginn an ab, dass er immer noch begehrenswert ist? Kurz: Glaube ich diese radikale Liebe? Sie beide vermitteln das grandios. Anders könnte diese Geschichte überhaupt nicht funktionieren.

Karl Merkatz: Liebe ist ein Empfinden, das nichts mit dem Alter zu tun hat. Und darum fand ich es sehr, sehr schön, dass es hier zwei alte Leute sind, die sich unverhofft treffen und verlieben, obwohl der Bruno über fünfzig Jahre verheiratet war. Weil das Leben immer etwas bringt, das man vorher nicht gewusst hat. Heute ist die Gegenwart und in der nächsten Sekunde ist die Zukunft und was in dieser Zukunft auf einen zukommt, das weiß man nicht. Er ist nicht hübsch, sie ist nicht groß, sie ist auch so eine sensible Frau, er ist halt ein Drucker, ein Handwerker, der ein bisschen hart ist, ab und zu, und dennoch ist die Liebe etwas...

Christine Ostermayer: Sie kommen aus verschiedenen sozialen Schichten. Und trotzdem stimmt die Chemie.

Karl Merkatz: Das ist gar keine Frage. Bist du reich? Hast du Geld? Mensch, ich habe ja gar nicht gedacht, dass ich die gemeinsame Wohnung kaufen kann, wie mache ich das nur? Na ja, wird schon gehen. Und es geht auch.

Was bei der Wohnung auch ein interessanter Aspekt ist: Die Flucht aus dem Pflegeheim mündet zunehmend in einen Zustand der Überforderung.

Karl Merkatz: Ich sehe das in diesem Fall individueller, ich finde es richtig, dass es für den Bruno so ausfällt. Der wurde sein gesamtes Leben immer umsorgt, besorgt, ein klassischer Ehemann. Vielleicht hat er ab und zu mal Geschirr abgewaschen. Aber das war keine Verpflichtung für ihn. Und dann setzt plötzlich eine Situation ein, die er nicht beherrscht, weil er es nie gemacht hat und dadurch bricht alles nieder.

Christine Ostermayer: Aber egal, was Bruno schafft und was nicht: Als Aussage finde ich es schön, dass man versucht, für einen Menschen vollkommen da zu sein. Wir brauchen alle einen Schutzengel. Und Rosa hat im richtigen Moment den richtigen Menschen gefunden. Sie will in Würde ihre letzte Zeit verbringen, in vertrautem Umfeld. Und dann trifft sie Bruno, der jetzt plötzlich was tut, was er eigentlich gar nicht kann, aus Liebe zu ihr. Ich hatte manchmal bei ihm das Gefühl gehabt, dass er Mensch wird durch die Begegnung mit ihr.

Christine Ostermayer, wie sind Sie denn für sich auf diese Rolle einer Frau die nur mehr ein halbes Jahr zu leben hat, zugegangen?

Christine Ostermayer: Das war ja eben ein Teil der Herausforderung. In den letzten Jahren musste ich in meinem Lebensumfeld und meiner Familie dramatische Lebensenden miterleben. Ohne zuviel vom Inhalt und vom Ende des Films vorwegzunehmen: Im Gegensatz zu Karl Merkatz bin ich eine Befürworterin der Sterbehilfe. Ich finde, es gibt Situationen im Leben, wo man schützende Hände braucht, die uns helfen etwas zu beenden, was nicht mehr erträglich ist.

Karl Merkatz - es gibt kaum einen Schauspieler in Österreich, der durch einige wenige Rollen so ikonisch geworden ist fürs Nachkriegstheater und -kino. Jetzt diese Rolle hier zu spielen, einen Mann, der es viel zu lange gemütlich gehabt hat und der quasi zum Leben erwacht. Wie, glauben Sie, geht da das Publikum damit um?

Christine Ostermayer: Die werden es mit großem Vergnügen sehen. Er hat immer die Sympathie des Zuschauers. Auch wenn er von der Ehefrau weg geht. Das Fanpublikum wird sich freuen.

Karl Merkatz: Die Leute, auch junge, gehen mehr mit mir und meinem Spiel mit, als man manchmal denkt. Die letzten Lese- und Musik-Programme, die ich gestaltet hatte, die haben mit dem „Mundl“ oder dem „Bockerer“ überhaupt nichts zu tun. Trotzdem bleiben alle sitzen und sagen nachher: Herr Merkatz, das hat uns jetzt aber gefallen. Und so wird es auch hier sein. Es werden eine Menge Leute hinein gehen, die sagen, aha, der Merkatz, der Mundl spielt, dann schauen wir uns das an. Und werden berührt sein. Davon bin ich überzeugt.

Christine Ostermayer: Das ist ja unser Beruf: Nicht immer festgelegt sein, auf einen Charakter.

Sabine Hiebler und Gerhard Ertl im Gespräch mit Claus Philipp

Sie wollten einen Liebesfilm machen...

Sabine Hiebler: Ja, und wir haben schon länger nach einem Stoff gesucht. Irgendwann war es aber sehr einfach, nämlich als wir festgestellt haben, dass auch wir älter werden. Da wurde uns klar, dass es ein Liebesfilm über alte Menschen sein muss.

Gerhard Ertl: Diese Erkenntnis, dass es nicht unbedingt der Karl Merkatz ist, mit seinen achtzig Jahren, sondern dass es eigentlich wir sind und dass es um uns geht, wenn wir vom Alter reden und darum, was wir in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren sind – das war Grund genug, das aufzugreifen und filmisch zu bearbeiten.

Das führt gleich zu einem denkbaren Publikum für diesen Film. Man könnte ja auf den ersten Blick sagen: Aha, ein Film für alte Leute mit alten Leuten. Es geht aber in der Tat auch um eine Generation von 40 bis 50-jährigen, die sich zunehmend mit Fragen der Altenbetreuung, mit Einbrüchen von Krankheit und Tod auseinandersetzen muss.

Sabine Hiebler: Ja, das war ein weiterer Aspekt. Wie viele andere, haben wir eben auch in der Familie zunehmend Alters- und Pflegefälle gehabt. Das ist ein Thema, das sehr, sehr viele Leute anspricht, bewegt und beschäftigt. Leider aber meist im sehr verborgenen Kämmerchen, es spricht ja kaum jemand darüber oder nur in geschlossenen Zirkeln.

Gerhard Ertl: Das ist eine Tabuzone. Man macht da nicht auf, das wird eher intern abgehandelt oder aufgearbeitet.

Um beim Ansatz des Liebesfilms zu bleiben: ANFANG 80 erzählt ja nicht die Geschichte eines lange verheirateten Ehepaares, das sich den Gegebenheiten von Krankheit und Alter stellen muss, sondern einer „jungen“ Liebe, die sich dem Zeitlimit in aller Konsequenz stellt. Wie hat sich diese Idee ergeben?

Sabine Hiebler: Liebe ist an sich glücklicherweise etwas Radikales. Alle großen Liebesmythen erzählen von einem Ideal, das sich gegen Normen und Konventionen durchsetzt. Romeo und Julia oder Philemon und Baucis: Das sind schöne Bilder für Ideale, die wir leben und die wir haben. Und so etwas schwebte uns auch hier vor.

Karl Merkatz und Christine Ostermayer - wie kam es zu dieser Besetzung?

Gerhard Ertl: Es ist uns wichtig, dass der Film mit diesem Thema auch möglichst viele Zuschauer findet. Dabei war es relativ rasch klar, dass Karl Merkatz mit seiner schauspielerischen Qualität und seinem Bekanntheitsgrad die ideale Besetzung für Bruno sein würde.

Sabine Hiebler: Christine Ostermayer ist eine großartige Schauspielerin und sie hat dieses wunderbare Strahlen. Und das Tolle an diesem Paar ist die Unterschiedlichkeit der beiden. Karl ist sehr physisch, und er spielt den Bruno als einen Mann, der rasch handelt, ehe er lang denkt. Christine als Rosa hingegen ist eine ganz feinstoffliche Figur. Die beiden würden sich – unter Normalumständen – vielleicht treffen, aber nicht auf einander einstellen. Durch das Aus-der-Bahn-Geworfensein beider, aus dieser Endstation sozusagen, wo beide den Neubeginn starten, kommen sie zusammen.

Sehr wesentlich erzählt ANFANG 80 auch darüber, dass es auf der einen Seite die fixen Institutionen gibt, denen so etwas wie Altenbetreuung oder Pflege zugeschoben wird. Und dass es auf der anderen Seite ein individuelles Bedürfnis gibt, sich nicht in diese Institutionen einkasteln zu lassen, selbst initiativ zu werden und möglichst lange, bis zum Schluss, für sich selbst die Verantwortung und die Kontrolle zu behalten.

Gerhard Ertl: ANFANG 80 ist ein Plädoyer für Selbstbestimmung, für Individualismus und Freiheit. Das heißt jetzt nicht per se, dass die Institutionen so schlecht sind. Aber man findet sie oft in einem Zustand vor, wo sie aus ihren starren Regulativen, aus ihren Krusten nicht raus können. Also in die Richtung müsste schon viel geschehen.

Sabine Hiebler: Die innerhalb der Institutionen Handelnden sind ja darin festgefahren. Uns war es im Film sehr wichtig, dass sowohl die Familie, also die einzelnen Familienmitglieder, als auch die Vertreter der Institutionen nicht aus persönlichem Antrieb irgendetwas gegen die beiden unternehmen. Sondern dass sie halt im Rahmen ihrer Möglichkeiten Missverhältnisse schaffen. Wir stecken alle im System, sind sozusagen gleichzeitig aber auch selbst System, das nicht mehr Spielraum lässt, als so zu handeln wie die Handelnden eben glauben handeln zu müssen.

Es kommt im Film – das kann man ohne das Ende preiszugeben, sagen – zu einer gewissen Überforderungssituation. Bruno ist damit konfrontiert, Rosa pflegen zu müssen, stößt aber hier definitiv an Limits.

Gerhard Ertl: Na ja, es kommt natürlich zu einer gewissen physischen und psychischen Überforderung, das ist aber genau der Augenblick, in dem individuelle Entscheidungen zu treffen sind, die man jedem Menschen zugestehen muss. Und die zeigen wir.

Sabine Hiebler: Es ist einfach eine Ausnahmesituation, in der andere Maßstäbe gelten. Und in der man sich nicht unbedingt an den Normen der Gesellschaft messen lassen möchte. Also, wenn dann die Wohnung halt mal stinkt oder dreckig ist, weil andere Dinge gerade wichtiger sind, und wenn dann von außen jemand kommt, dann weiß man natürlich, dass der Blick von außen ein anderer ist als der eigene. Deshalb grenzen sich Bruno und Rosa von der Außenwelt ab und diese Isolation erzeugt wiederum weitere Probleme.

Gerhard Ertl: Es geht um den Maßstab, mit dem man jeweils für sich misst. Und das muss jetzt nicht dieser institutionelle sein, Stichwort „Qualitätssicherung“ oder wann genau die Tabletten einzunehmen sind oder ähnliches. Sondern dass da wirklich eine individuelle, eigene Welt gestaltet werden kann, die mit dem Problem etwas anders umgeht. In dem Sinn: Freiheit.
Individuelle Gestaltung auch in der Extremsituation ist einfach ein sehr wertvoller qualitativer Zustand.

Stichwort: Filmische Inszenierung von Alter. Wie habt Ihr Euch da orientiert?

Sabine Hiebler: Nachträglich würde ich sagen: Wir hatten Glück. Innerhalb der vier Jahre, die wir jetzt an dem Stoff dran sind, hat sich das öffentliche Bild des Alters ziemlich gewandelt. Also anfangs gab´s, außer den üblichen Klischees praktisch nichts an Bildern und Fotos zum Thema, mittlerweile kann man sagen, dass es geradezu boomt. Die ältere Zielgruppe ist mittlerweile in den Medien präsent. Uns war von vorne weg klar, dass wir Falten und Alterserscheinungen auch als eigene Qualität darstellen möchten, dass wir die Haut als Landschaft darstellen wollen. Wir wussten, das ist das Ziel, aber wir wussten noch nicht den Weg. Das war anfangs sehr schwierig und da kam unser Kameramann Wolfgang Thaler ins Spiel. Er hat eine sehr emotionale und zärtliche Kamera und er hat von Anfang an genau verstanden, worauf wir hinauswollen und hat sich sehr eingebracht.

Gerhard Ertl: Dazu kommt, dass er die Menschen an sich und alte Menschen im Speziellen liebt. Das merken auch die Darsteller, und das spürt man dann auch in den Bildern.
Ein wichtiger Aspekt bei der Inszenierung von Alter ist es, die Klischees aufzuspüren, die da überall lauern, um ein filmisches Bild zu schaffen, das auch den sehr stark veränderten gesellschaftlichen Realitäten entspricht. Wenn man das Thema heute aufgreift, dann muss man sich diesen Veränderungen und Umschichtungen stellen. Wir wollten, dass ANFANG 80 ein moderner Film über Alter ist.

Sabine Hiebler: Man hat aber, trotz allem, immer noch den Eindruck, das Alter ist ein unbekannter Planet, ein unbekannter Kontinent, und da wird es auch ganz gerne hin geschoben. Da will man ja so lange wie möglich nichts damit zu tun haben. Vielleicht ist es auch deshalb immer noch tendenziell unausgeleuchtet. Wir wollten das aus dieser dunklen Ecke raus-, ans Licht bringen. Licht reinbringen. Entstauben.

Lust, Leidenschaft im Alter: Das ist ja wohl auch nicht ganz einfach zu inszenieren, oder?

Sabine Hiebler: Sexszenen zu drehen ist immer schwierig, in jeder Altersstufe. Es war aber allen Beteiligten klar: Das ist eine Liebesgeschichte, die auch mit körperlicher Liebe einhergeht, und das wollten wir nicht ausklammern.

Letzte Frage: Ihr habt als Filmemacher einen interessanten Weg hinter euch, kommt aus dem Experimentalfilm. Und Karl Merkatz zum Beispiel, siehe „Bockerer“ oder der „Echte Wiener“, kommt praktisch aus der totalen Gegenrichtung. Was macht es dieser Tage einfacher, solche Begegnungen oder Kollaborationen stattfinden zu lassen? Oder ist es gar nicht so einfach und euer Film ist eine große Ausnahme? In den Siebzigerjahren wäre es undenkbar gewesen, aus der Austropop- oder der Rosenhügelkino-Ecke herauszutreten. Das ist ja auch ein bisschen traurig an vielen heimischen Stars: Dass ein Karl Merkatz quasi erst jetzt so eine Rolle bekommt.

Sabine Hiebler: Ja, da kommt jetzt vermehrt was in Bewegung. Wir kommen vom Found Footage-Kino und blicken auf einen österreichischen Film, der sich gerne auf seine Vielfalt bezieht – und die ist ja auch tatsächlich da. Eigentlich muss man diese Vielfalt nur neu mischen.